Arme Sau
Arme Sau,
hast Du tatsächlich geglaubt, hier handelt es sich um einen Weihnachtsgruß? Da muß ich Dich leider enttäuschen! Natürlich ist dies ein Virus, der sich soeben über Deinen Internetzugang eingeschlichen hat und sich nun auf Deinem System ausbreitet (lechz!). Selber Schuld, was bist Du auch so leichtsinnig. Hat Dir nicht schon Deine Oma immer gesagt, Du sollst nicht ohne Mütze in die Kälte raus und nicht ohne Virenscanner ins Internet gehen?
Jetzt ist es natürlich zu spät. Soeben breitet sich der Virus gerade über die Hauptplatine Deines Rechners hin zu den Lautsprechern aus, von wo aus er mit dem von zahlreichen Weihnachtsschnulzen stetig genährten Ohrenschmalz langsam durchs Zimmer fließen und Dir schließlich über die Wollsocken durch die lange Angoraunterwäsche am Bein hoch über den Bauchnabel direkt in den Hippocampus diffundieren wird. Dort wird er einen langsamen Veränderungsprozeß auslösen, den Du erst bemerken wirst, wenn Dich Dein Umfeld darauf aufmerksam macht. Wundere Dich also nicht, wenn Du, so ca. ab kurz nach Weihnachten, Dieter Bohlen und Boehse Onkelz plötzlich supergeil findest!
Aber das ist noch längst nicht alles. Während Du jetzt gerade Deine Füße eingezogen hast und die Lautsprecher misstrauisch im Auge behältst, wird der Virus auch noch gleichzeitig an zwei weiteren Fronten aktiv. Zum einen auf visuellem Wege. Über den Bildschirm. Ja, ja. Ist Dir noch nichts aufgefallen? Die fast unmerkliche Veränderung der Cursor-Blinkfrequenz? Kein Wunder. Der Angriff spielt sich nämlich im Infrarotbereich ab und hinterlässt – keine Angst – nur leichte Brandwunden im Gesicht, etwa einem Gletscherbrand ähnlich. Nein, nein. Zum Weggucken ist es jetzt längst zu spät. Ist alles schon rum ums Eck. Liegt in Deiner Nähe irgendwo eine Fernbedienung? Nein? Glück gehabt. Falls aber doch, ist diese ab jetzt unbrauchbar, es sei denn, Du wolltest riskieren, dass sich der Virus, der sich jetzt dort eingenistet hat, bei der nächsten Benutzung lautlos und unsichtbar auf Deinen Fernseher überträgt. Von dort aus wird er weiter sein Unwesen treiben. Der Virus ist so programmiert, dass er einschneidendste Auswirkungen auf die Programmvielfalt der öffentlichen und privaten Sendeanstalten entfaltet. Abgesehen davon, dass im deutschsprachigen Bereich ab sofort nur noch der Musikantenstadl hergeht, wirst Du Dich von nun an ausschließlich an türkische und französische Kanäle gewöhnen müssen. Hoffentlich hast Du viele Freunde aus diesem Kulturkreis. Darüberhinaus wird der Virus sich nun von Deinem Fernseher aus über das Stromnetz auf sämtliche elektrischen und elektronischen Hausgeräte übertragen. An Deiner Stelle würde ich ab sofort keinem dieser Apparate mehr über den Weg trauen! Ein elektrischer Dosenöffner, der plötzlich Appetit auf abgeschnittene Finger bekommen hat, mag da noch zu den harmloseren Erscheinungen zählen. Aber stell Dir erstmal einen Kühlschrank vor, der mit seiner kompletten Front nach seinem Besitzer schnappt. Oder eine Waschmaschine, die Deine Frau in die Trommel zerrt und bei 8500 U/min restlos trockenschleudert. Alles ist von nun an möglich! Du kannst Dich nicht mehr sicher fühlen im Haus. Vielleicht wirst Du jetzt um Hilfe rufen wollen, z. B. per Telefon, weil Du ja glaubst, die Telekom hat eh schon immer ihre eigene Welt und damit dann auch ihre eigene Stromversorgung, so dass der Virus nicht übers Stromnetz…….. Ja, ja. Stimmt schon. Blöd bloß, das der Virus in diesem Falle gar nicht das Stromnetz genommen, sondern sich bereits beim Abruf der E-Mail über die a-Leitung der Schwachstromverdrahtung auf sämtliche Apparate in Deinem näheren Umfeld übertragen hat. Anrufe sind von diesen Apparaten aus nur noch stark eingeschränkt möglich und auf einen engen Nummernkreis limitiert (0190….ff.). Falls Du also verstärkten Wert auf Kontakte zu sämtlichen Sex-Hotlines in diesem Bereich legen solltest: Ruf ruhig mal an, egal wohin. Das Ergebnis wirst Du erst auf Deiner nächsten Telefonrechnung bewundern können. Falls Du diese überhaupt noch lesen kannst.
Warum? Wir kommen nun zur dritten und letzten Front, auf der der Virus seine Attacke reitet. Während Du nämlich wertvolle Zeit mit dem Lesen dieser Nachricht verschwendet hast, hat sich der Virus auf die gesamte in Deinem Umfeld präsente Bandbreite des elektromagnetischen Spektrums eingeschwungen und dürfte nun in perfekter Resonanz hierzu quer durchs ganze Haus schwirren. Da wir alle wissen, dass es um uns herum vor Erdstrahlen und Handyfunkschmutz nur so wimmelt, kommt also nun der Virus endgültig überallhin!
Deshalb funktioniert auch jetzt z. B. Dein Handy nicht mehr. Oder zumindest nicht mehr so, wie Du es gewohnt bist, sondern so wie Dein Festnetztelefon (s. o.). Du hast Dich also beim Studium des vorangegangenen Absatzes zu früh über das vermeintliche Kommunikationsschlupfloch gefreut.
Da der Virus in seiner Mobilität nun keine Grenzen mehr kennt, wird er sich auf alle Gegenstände und Personen im Haushalt übertragen. Er wird in die Garage gehen und Deinen Wagen kurzschließen. Er wird Deine Festplatte formatieren und Deine komplette CD-Sammlung löschen. Er wird Deine Hauskatze in einen Bergtroll verwandeln und Deinen Weihnachtskaktus in einen Hochdruck-Nadelwerfer. Er wird Deine Kinder in die Hände der Zeugen Jehovas treiben und Dir Deine Frau ausspannen. Er wird Deine Stromrechnung fälschen und Dich so spätestens mit der nächsten Rechnung in den Ruin treiben. Du wirst Dein Haus verkaufen wollen, was Du aber nicht mehr kannst, denn inzwischen hat der Virus, als Du gerade nicht aufgepasst hast, dieses für einen Euro bei E-bay versilbert (Ende der Auktion war vor 12, nein 17 Sekunden).
Du wirst einsam sein. Einsam und allein. Ohne Hoffnung…..(schneuz). Ehrlich gesagt: Du tust mir fast ein bisschen leid.
So, ich glaube das reicht nun erstmal. Hättest mal lieber auf Deine Oma hören sollen.
Ich wünsche Dir und Deiner Familie trotzdem noch fröhliche und erholsame Feiertage. Aufräumen kannst Du das Chaos ja später.
Ach ja, ich vergaß: Natürlich gibt es auch ein Heilmittel gegen den Virus. Dieses kannst Du gegen einen kleinen Kostenbeitrag (für die Forschung und Entwicklung) bei mir bestellen. Schicke einfach eine E-Mail, an die Du einen 500-Euroschein dranheftest, mit dem Betreff ‚Ich bereue’ an mich, und Du bekommst das Gegenmittel – und alles ist wieder wie vorher.
Alles Liebe und Gute
Ein Freund, der es gut mit sich meint...

